Die Sache mit der Spinne und der Achtsamkeit

Dieser Tage sortiere ich morgens vor Praxisbeginn noch kurz die Räumlichkeiten. Doch was dann auf einmal im Augenwinkel meine morgendlich noch leicht getrübte Aufmerksamkeit auf sich zieht, lässt mich kurz mächtig erschrecken.

Es ist schwarz, hat fürcherlich lange Beine und einen ebenso knallschwarzen Körper. Eine riiiiiiesengroße Spinne hat sich auf einer der vielen weißen Wände positioniert.

Der Aberglaube reitet mich kurz und ….. Spinne am Morgen, bringt Kummer und Sorgen. Und schon wehrt sich irgendwas in mir. Nein. Heute nicht. Kein Kummer und keine Sorgen bitte. Wer hat nur das Wort Aberglaube in die Welt gesetzt?

Gefühlt ist dieses Wesen so groß, dass ich gar nicht mehr hinschauen mag. Kleine Spinnen ok. Weberknechte. Ok. Aber tiefschwarze selten große Spinnen in meinen Räumlichkeiten. Nicht ok. Unwohlsein macht sich breit und die wie ich finde sehr spannende innere Unterhaltung beginnt.

Ich muss sie wegsaugen.

Ein bisschen sortiere ich in anderen Räumen und hoffe, dass sie von alleine verschwindet. Ich mag sie heute hier einfach nicht.

Der Staubsauer steht schon bereit.

Ich versuche Vibration an der betreffenden Wand zu erzeugen. Lache dabei irgendwie schon wieder über mich selbst und Gott sei Dank ist ja keiner da, der mich in diesem TamTam beobachtet. Nur ich selbst. Und ich komme mir reichlich albern vor.

Wer hat uns eigentlich eingeredet, dass Spinnen eklig sind und wir uns vor ihnen fürchten müssen? Der soll jetzt bitte sofort kommen und dieses Ding wegmachen…wettert es in mir.

Die erste Aufregung legt sich ein wenig und ein erstes bisschen Mitgefühl entsteht. Da bin ich aber froh. Irgendjemand und sei es eben diese Spinne so komplett abzulehnen und dann auch noch vernichten zu wollen, das fühlt sich für mich so gar nicht gut an.

Wenn das jemand mit mir machen würde …. höre ich wieder die innere Stimme.

Eigentlich ist es doch toll, wenn eine Spinne soooooo groß werden kann. Die muss schon unheimlich alt sein und ein geschicktes Leben geführt haben.  Ich sollte eher ehrfürchtig sein und sie bestaunen. Und sollte man sich nicht einfach reichlich schämen, einfach so über jemand zu urteilen. Das Werturteil – du bist eine Kreatur und hast es nicht verdient hier zu sein? Du gehörst in den Staubsauger, weil Du mir nicht gefällst? Soll ich jetzt politische Parallelen ziehen welche allgegenwärtig sind? Wer gibt mir oder uns das Recht andere zu bewerten?

Diese Spinne ist für mich ein Sinnbild.

Danke wieder einmal an Mutter Natur für diese Lektion am Morgen.

…ja und da ja irgendwann dann doch mal eine erste Behandlung losgehen muss, lasse ich das Thema los und sie hat ja Zeit innerhalb der nächsten Stunde zu verschwinden. Immerhin hat sie den Staubsaugar überlebt.

Nach einer Stunde öffne ich die Tür des Behandlungszimmers und was soll ich sagen. Das kleine dreiste Ding klebt noch offensichtlicher jetzt an einer anderen Wand. Sie fordert mich heraus. Mutig und bestärkt durch meine erste Klientin schauen wir uns gemeinsam dieses Prachtexemplar mal an.

Haarige Sache wie ich finde. Schwarze Haare.

Mein Mitgefühl hat jetzt fast wieder Normalmaß erreicht. Zu einer Wohngemeinschaft bin ich nach wie vor nicht bereit, kann diese nun mittlerweile eher mittelgroße Spinne sanft in einem Glas nach draußen tragen.

Das fühlt sich gut an.

Was doch eine kleine Spinne in einem meinem Gehirn so bewegen kann. Das ist sagenhaft.

Und was will ich damit sagen?

Das es einfach gut tut achtsam zu sein, eher nicht zu bewerten und die Dinge und Menschen einfach Dinge und Menschen sein zu lassen. Jeder ist auf seine Weise schön, wertvoll und hat seinen Platz auf dieser Erde.

In diesem Sinne wünsche ich ein schönes Wochenende und freue mich wie immer über feedback.

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