Osteopathie und Emotionen

IMG_2497Osteopathie und Emotionen? Was hat eigentlich das Eine mit dem Anderen zu tun?

Hast du selbst für dich da schon einen Zusammenhang erstellt? Als Therapeut oder auch als Patient?

Grundsätzlich geht es doch in der Osteopathie darum, Strukturen zu untersuchen und mögliche Blockaden zu finden. Soweit stimmt das auch total. Liest man sich Beschreibungen über Osteopathie durch, fangen sie meistens mit den strukturellen Zusammenhängen an und an diesen Beispielen bleiben wir gern haften. Das ist leicht, ungefährlich, geht schnell zu korrigieren  und ist vor allem nachvollziehbar.

Eines habe ich noch vergessen.

Es ist kontrollierbar.

Das schätze ich auch sehr in der Therapie. Ich teste zum Beispiel die Hüftgelenksbeweglichkeit, finde eine Einschränkung, therapiere die Blockade und die Hüfte ist wieder beweglich. Dann sind die meisten Patienten schon ziemlich glücklich.

Und das ist auch gut so.

Monate später kommt die Blockade vielleicht wieder. Oder aber die Blockade ließ sich nicht gleich beim ersten Mal lösen. Oder das Becken ist immer wieder in der gleichen Blockade, obwohl es fachgerecht in jeder Sitzung gelöst wird.

Das stimmt nachdenklich. Was ist da nur los?

In den Schriften von Andrew Taylor Still, dem Begründer der Osteopathie, habe ich gelernt – zu schließen.

Von dem Einen aufs Nächste schließen.

Löst sich eine Blockade nicht so ohne weiteres, schließe ich und viele andere Osteopathen also – da steht noch was drüber.

Nur was.

Und ab hier wird es nicht immer aber oft emotional. Das heißt, ab hier wird es traurig, wütend, ärgerlich, ängstlich, panisch, ekelig. Zunächst zumindest. Denn das sind die Gefühlsqualitäten, welche Energie in einem Körpersystem binden und zum Beispiel Blockaden kreieren.

Schickt es sich in unserer Gesellschaft, diese Emotionen zu beziffern?

Nein.

Schickt es sich in unserer Gesellschaft diese Emotionen zu denken?

Nein …. JJJJJJa? …. Jein.

Also verbleibt die Energie dieser Emotion im Körper und äußert sich möglicherweise als Symptom. Als Schmerz, als Beckenverdrehung, als Bauchverkrampfung, als Depression und vielleicht auch unmaskiert als Wut – als was auch immer.

In einer Gesellschaft, in der alles auf Profit, Leistungsstärke und Weiterkommen ausgerichtet ist, ist derjenige ein Störer und Unfried – der eben traurig, wütend, ärgerlich, ekelig, ängstlich oder panisch ist.

Wir spielen also kollegial Verstecken.

Hilft das?

Ich denke nicht.

Ich schreibe darüber, weil ich oft erlebt habe, dass Menschen und damit wahrscheinlich auch deren Blockaden sich befreit fühlten, wenn endlich des Pudels Kern ausgesprochen wurde. Das muss man als Patient mögen und als Therapeut eben auch.

Auch wenn Osteopathen keine Psychologen sind, so wird doch oft ziemlich tiefgründig gesprochen. Das gehört dazu und ist neben der körperlichen Behandlung der direkte Weg Richtung Heilung.

Es kann also in einer osteopathischen Sitzung passieren, dass etwas ausgedrückt werden möchte.

Schön, wenn du es bemerkst.

Und es kann sein, dass es sich von selbst ausdrückt. Die Dinge kommen dann, wenn sie dran sind.

Dann wenn ihr, ich sage mal Besitzer, Kraft genug hat, sie neu zu verhandeln.

Und da das Gras wohl bekanntlich nicht schneller wächst, wenn man dran zieht, braucht es Geduld.

Wenn dann irgendwann alle Faktoren stimmen, kann die Lösung kommen. Lösung im Körper und Lösung im Geist.

Alle oben genannten Gefühlsqualitäten haben irgendeinen Ursprung. Den kennen wir nicht immer, doch das ist erst mal nicht entscheidend. Nur zu gut habe ich es am eigenen Körper erfahren und möchte deswegen eine kleine eigene Geschichte einflechten.

2014 hatte ich ja wie schon oft erwähnt, meinen Radsturz mit Handbruch. Zuvor war ich quasi wie verheiratet mit meinen Fahrrädern. Bordstein hoch, kein Problem. Waldweg runter, immer gern. Freihändig …. Total gern. Radfahren war Freiheit pur. Nie habe ich mir einen Kopf über einen möglichen Sturz gemacht. Seit dem besagten Tage sah das plötzlich anders aus. Nie vorher da gewesen, doch plötzlich gruselte ich mich selbst beim Wandern vor steilen Abhängen in den Bergen, konnte nicht gut in einer Gruppe mittendrin Rad fahren und rüffelte auf einmal völlig unschuldige Verkäuferinnen an. Das war mir selbst schon peinlich und immer öfter schickte ich meinen Freund vor, mir die Damen im Laden vom Hals zu halten. Da war wohl ordentlich Stress in meinem Körpersystem.

Als Therapeut beäuge ich das natürlich auch immer mit meinem „Selbsterfahrungsauge“ und war sehr gespannt, wie sich diese Situation lösen lies. In vielen verschiedenen Sitzungen kam dann unter anderem raus, dass ich mich mächtig über das medizinische Personal geärgert hatte, welches mich mehrmals überging. Entweder riss oder rumpelte man an meiner gebrochenen Hand rum – Hallo, aua, das tut mal mächtig weh. Oder man beäugte die geschwollene Hand und unkte mir eine unliebsame Komplikation hinein. Hatten die anderen mehr Angst als ich? Auch nicht gut.

All mein Ärger traf nun Leute (die Verkäuferinnen), die so gar nichts dafür konnten. Schon das brauchte echt einige Zeit, bis mir dies klar wurde.

In therapeutischen Begegnungen, in denen es einfach nur still wurde, konnte ich Klärung finden. Mit still meine ich nicht nur ganz ruhig. Mit still meine ich auch, dass ich einfach die Aufmerksamkeit und Achtsamkeit erhielt, die die Situation erforderte.  Und na klar. Ich habe teilweise geheult wie ein Schlosshund. Ok wie eine Schlosshündin. Das tat gut. Jede Träne sehe ich als eine Neuverhandlung an. Ich bekam die Gelegenheit, mir dieser Sachen BEWUSST zu werden, das war nötig. Dann konnte ich meinen Frieden finden.

Und dann irgendwann war meine Hand gut. Richtig gut.

Und irgendwann ging ich wieder unbeschwert wandern. Und mittlerweile rede ich auch mit den Verkäuferinnen wieder selber. Und muss lachen, wenn ich das schreibe, so verrückt klingt das sogar für mich.

Solche vertrackten Schleifen zieht ein Unterbewusstsein, zieht ein Körper.

Vom Radsturz, zur Höhenangst, zum Schmerz zur Wut und letztendlich zurück zur Freiheit und zur Liebe (alias Freundlichkeit).

Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen, denn umso klarer wird mir die Komplexität, welche mir mit jeder neuen Patientengeschichte entgegen gebracht wird. Ich möchte dir Mut machen, den geschützten Rahmen einer osteopathischen Behandlung zu nutzen, dir die Dinge so anzuschauen, wie es eben nötig ist, um gesund zu werden.

Körper und Geist sind eine unzertrennbare Einheit. Und wenn wir Osteopathen schreiben, dass es eine ganzheitliche Methode ist, dann geht es also weit über die anatomischen Strukturen hinaus.

Vielen Dank für deine Aufmerksamkeit und gern schreibst du mir deine Meinung zu diesem Zusammenhang.

4 thoughts on “Osteopathie und Emotionen

  1. Ja!
    Ich finde es wichtig das Gefühl zu haben, Emotionen zulassen zu dürfen. Bei meiner letzten (und erst ersten) Behandlung war dies gar nicht angesprochen worden (muss es nicht zwangsläufig), habe ich aber selber als sehr wichtig empfunden damit sie das löst was sich lösen möchte.

    • Hallo Viktor. Schön, dass es zumindest Dir selbst bewusst ist, damit ist doch der Grundstein zur Transformation gelegt. Es ist in der Tat so, dass jedem Therapeuten eine andere Sache mehr liegt und manche sich komplett auf die körperliche Sache konzentrieren. Alles Gute Dir! Lg Sandra

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