Skilanglauf aus osteopathischer Sicht

fotokahl.de

© fotokahl.de

Schon vor langer Zeit bekam ich von Irina die Anfrage, wie es sich aus osteopathischer Sicht mit dem Skilanglauf verhält. Nun ist der Winter in Deutschland in vollem Gange und hier und da kommen die bunten Latten wieder aus dem Keller. Das ist wunderbar, denn es gibt doch fast nichts Schöneres, als sich anmutig durch die winterliche Landschaft zu schieben.

Moment. Anmutig? Wenn ich mich an meinen letzten Ausflug auf den Skilangläufern erinnere, war das alles andere als anmutig. Das war zunächst eine ziemlich witzige Geschichte. Die weiße Flockenpracht trieb mich zum Britzer Garten in Berlin. Denn hier gibt es eine der wenigen Loipen in Berlin. Ich lud also auf dem gut geräumten Parkplatz meine Ski aus dem Auto und schlüpfte in meine substylischen Skischuhe. Einen Schönheitspreis kann ich damit nicht gewinnen. Aber egal. Immerhin haben sie vorne die kleine Öse, mit denen ich mich in die Skibindung einhängen kann. Das das ein Teil des Verhängnisses ist, darüber später.

Denn erst einmal kam ich mir ein wenig wie Mister Bean in Frauengestalt vor, ich war de facto die Einzige, die mit Skiern auf der Schulter durch das Parktor stapfte. Mitten in Berlin die Langläufer auf der Schulter. Ein paar komische Blicke erntete ich, doch mittlerweile habe ich ja gelernt, dass mir gar nichts peinlich sein muss. Dann kam ich im Winterparadies an. Weiter hinten sah ich Gott sei Dank noch ein paar andere Läufer.

So. Und nun muss ich gestehen, bin ich ja ausgewiesene Abfahrtsläuferin. Die Langlaufski, welche ich mein nenne, stammen noch aus meiner Zeit in Bayern. Dort gab es einfach viel häufiger Schnee und aus dem Grund verbrachte ich viel Zeit in der Loipe. Doch das ist lange her. Meine Koordination hat, was diese schmalen Latten angeht, in den letzten Jahren ein wenig gelitten. Ich habe es einfach nicht geübt.

Ich stieg also ziemlich vorsichtig auf die Skier und schob mich so gaaaanz laaaaangsam Meter für Meter voran. Aus therapeutischer Sicht ergibt sich hier schon der erste Vorteil. Gleichgewicht und Koordination sind absolut gefragt. Weiter gehts. Meter um Meter. Ritsch. Ritsch. Ritsch. Ritsch. Schieben sich die Skier in der Loipe entlang. Ahhhhh. Herrlich, frische Luft. Der zweite Vorteil. Als Skilangläufer verbringt man einfach mal richtig viel Zeit in herrlicher Natur. Durch die Anstrengung geht der Atem tief in die Lungen. Viel tiefer, als würde ich vor meinem Rechner sitzen bleiben. Ritsch. Ritsch. Ritsch. So langsam komme ich wieder in die Bewegung rein und schon rattert mein Gehirn los. Eigentlich, so erinnere ich mich, geht das doch auch schwungvoller.

Ich hole also ein wenig Schwung aus der Hüfte und mache längere Schritte. Nun beginnen die Skier in der Loipe zu gleiten. Auch hier sind die ersten Versuche noch zaghaft, doch schon Minuten später merke ich, wie sich meine Hüftmuskulatur aufgewärmt hat und sich angenehm dehnt. Vor allem die vordere Hüftmuskulatur. Die, welche sehr oft durch sitzen verkürzt ist. Osteopathisch betrachtet ist dieses Strecken in der Hüfte super, denn so wird nicht nur mehr Platz für das Hüftgelenk selbst, sondern auch im unteren Bauch. Diese in dieser Langlaufbewegung häufig wiederholte Beuge- und Streckbewegung massiert den Darm, die Darmschlingen und damit wird natürlich die Funktion des Organs unterstützt. Die Verdauung angeregt. Na hoffentlich nicht zuviel, denn ein Toilettenhäuschen habe ich noch nicht entdeckt.

So langsam finde ich Spaß an der Bewegung und erlaube mir, mich etwas umzuschauen. Ich wende den Kopf zur Seite. Uuuups. Das ging auf Kosten des Gleichgewichts. Beinahe wäre ich gestürzt, konnte mich aber gerade noch so fangen. Also Kopf in die Mitte, Augen wieder geradeaus und schön brav Spur gehalten. Gleichgewichtstraining ist ein absoluter Punkt beim Langlauf.

Ich nehme wieder Tempo auf und genieße jetzt, wo es ein wenig besser läuft, die kraftvolle Spannung in meiner Körperrückseite. Ich beginne, die Stöcke einzusetzen und spüre, wie sich die Bewegung mobilisierend als Drehung in meine Wirbelsäule fortsetzt. Das fühlt sich gut an. Die Wirbelsäule lockert sich, alle anliegenden Strukturen wie Muskeln, kleine Wirbelgelenke, Nerven, Blutgefäße lockern sich, obwohl die Bewegung kraftvoll stattfindet. Umso geschmeidiger die Wirbelsäule jetzt wird, desto leichter kann ich tief zwischen die Rippen atmen. Das fühlt sich für mich richtig gut an. Ich atme tief und laufe durch den Park. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und freue ich mich, dass gar nicht so viele Langläufer hier sind. Ganz in Ruhe kann ich durch den Park laufen. Meine Gedanken beginnen sich zu klären, zu leeren, Dinge verlieren an Bedeutungslosigkeit. Ist das jetzt Meditation? Da möchte ich mich gar nicht festlegen, jedenfalls wird es ruhig in der Birne und das ist absolut heilsam.

Tja, und dann endet auf einmal die Loipe. Es geht über eine breite Kreuzung. Ich muss mich entscheiden, wo ich langfahre. Da ich mich nicht auskenne, suche und gucke ich. Währenddessen gleiten die Langläufer unkontrolliert über den angeeisten Schnee. Zack. Schon liege ich am Boden. Ziemlich unbequem. Meine Füße hängen dank der sicheren Ösenbindung fest. Unpraktisch. Wohin nur jetzt mit meinen langen Füßen. Ich versuche mich mühevoll zu sortieren und mich im wahrsten Sinne des Wortes hochzuhiefen. Auweia. Jetzt komme ich mir gerade ziemlich unbeweglich vor. Stemme mit Ach und Krach die Skistöcke in den Boden und komme wieder hoch. Wie auf Eiern geht es weiter. Das möchte ich bitte nicht noch einmal. Tat auch weh am Hintern. In Minischritten überquere ich die Fläche und erreiche sicheres Terrain, die Loipe. So ganz ungefährlich ist also Langlauf auch nicht. Nachteiligerweise besteht im ungünstigsten Falle Sturz- und auch heftige Verletzungsgefahr.

Doch unser Gehirn ist gut versöhnlich, schon wenige Augenblicke später schwinge ich weiter durch das Winterweiß. Ich werde immer schneller und komme in den körperlichen Zustand, dass ich ewig so weiterfahren könnte. Ein Beitrag zu mehr Kondition. Natürlich müsste ich dann auch regelmäßig laufen, dann wäre es ein richtiges Training. Herz- und Kreislauf sind nun ordentlich beschäftigt, Blut- und damit Sauerstoff durch meinen Körper zu pumpen. Jeder Millimeter Gewebe ist mittlerweile richtig gut durchblutet, warm und beweglich. Ich keuche und atme damit Kohlendioxid aus mir raus. Ich fliege, ich renne, springe, schwebe – juhuuuu ….. Adrenalin lässt meine Seele fliegen. Ich bin glücklich. Skilanglauf taugt. Wozu genau habe ich hier noch mal übersichtlich zusammengefasst:

  • es bringt dich für mehrere Stunden an die frische Luft
  • es bringt viel frischen Sauerstoff in deinen Körper
  • es entgiftet über den tiefen Atem deinen Körper
  • es mobilisiert die Hüften
  • es massiert den Darm
  • es mobilisiert die Wirbelsäule und alle anliegenden Strukturen
  • es kräftigt deine Muskulatur
  • es trainiert Herz- und Kreislauf und beugt damit den sogenannten Zivilisationskrankheiten vor
  • es macht glücklich
  • es hat, je nach Können und Gelegenheit, meditativen Character und hilft Gedanken zu klären.

Und ja, es hat auch zwei kleine Nachteile:

  • es ist leider nur saisonal möglich und taugt damit nicht als Ganzjahrestraining
  • es besteht Sturzgefahr – dies sollte dich jedoch nicht davon abhalten, auf die Bretter zu steigen

Hast du noch Fragen zur osteopathischen Betrachtung von Skilanglauf? Dann schreibe mir ins Kommentarfeld.

Vielen Dank für deine Aufmerksamkeit.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.