Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Osteopathie und Chiropraktik?

IMG_1628Im Krankheitsfall ist die Entscheidung, wo man sich Hilfe und Unterstützung holt, nicht immer leicht. Die Frage, wann und warum man lieber zur Osteopathie oder zur Chiropraktik geht, taucht immer wieder auf. Ich möchte ein wenig Licht in den Dschungel des Gesundheitsdickichts bringen und erkläre in diesem Beitrag den Unterschied zwischen den zwei alternativen Therapieformen Osteopathie und Chiropraktik. Am Anfang des Textes beschreibe ich zunächst die Chiropraktik. Direkt danach widme ich mich der Osteopathie und im letzten Abschnitt folgt ein zusammenfassender Vergleich.

1. Was ist Chiropraktik?

Die Chiropraktik ist genau wie die Osteopathie eine alternative das heißt, nicht-schulmedizinische Behandlungsmethode. Die Erlaubnis zur Ausübung dieser Heilkunde besitzen in Deutschland ausschließlich Ärzte und Heilpraktiker. Der Begriff Chiropraktik setzt sich aus den griechischen Silben „cheir = Hand“ und „practos = anwenden“ zusammen.

Die erste chiropraktische Korrektur wurde 1895 von Daniel D. Palmer in den USA ausgeführt.

Die heutige Chiropraktik in ihrer Reinform bezieht sich auf die Korrektur von Gelenkfehlstellungen im gesamten Bewegungsapparat. Also die komplette Wirbelsäule, das Becken und sämtliche Gelenke an den Armen und Beinen. Hierzu wird zunächst ein genauer Befund erstellt und damit die Ursache für die Symptome gesucht. Zur Diagnosestellung wird nicht selten ein Röntgenbild hinzugezogen. Der Patient schildert seine Beschwerden und der Behandler identifiziert ganz genau die Gelenkfehlstellung. In der Theorie der Chiropraxis wird hierbei von Verschiebungen im Gelenkspiel und von Subluxationen gesprochen. Die Anzahl der Therapiesitzungen ergeben sich aus dem individuellen Befund.

Wie genau das heißt, ist vielleicht gar nicht so entscheidend. Grundlegend geht die Chiropraktik davon aus, dass Fehlstellungen vor allem von Wirbeln, Nervengewebe irritieren. Irritiertes Nervengewebe wird umliegendes Muskelgegewebe in die Ungunst bringen und irgenwann wird es zu Symptomen kommen. Ebenso geht die Chiropraktik von Fernwirkung aus. Da heißt, bei Weitem muss die Ursache nicht dort liegen, wo das Symptom auftaucht. Im Umkehrschluß lässt das Lösen der Blockaden die Symptome wieder abklingen. Chiropraktoren sprechen sich vehement gegen das Behandeln von Symptomen aus. Ganz elementares Ziel dieser Behandlungsmethode ist die Aktivierung der Selbstheilung.

Gearbeitet wird mit den verschiedensten, jedoch ausschließlich manuellen und in erster Linie sanftenTechniken. „Manus“ ist das lateinische Wort für Hand. Das heißt, die chiropraktischen Techniken finden nur per Hand, frei von jeglichem Gerät statt. Einige dieser Techniken sind das Gleiten von Gelenkpartnern, Weichteiltechniken, Reflextechniken und auch Justierung von Gelenkpartnern. Gewaltige Manipulationen mit eindrucksvoll lautem Knacken ordnet man eher der Chirotherapie zu. Dies widerum ist noch mal ein anderer Therapieansatz, welcher zum Beispiel im Vergleich zur Chiropraktik das Nervensystem nicht so gewichtet. Doch das soll nicht Thema dieses Beitrags sein.  Sensibel ausgebildete Chiropraktiker justieren in der Regel so präzise, dass eher nur ein Klicken vernommen wird.

Die Ausbildung zum Chiropraktiker ist scheinbar ziemlich dehnfähig. Eine staatliche Regelung diesbezüglich gibt es in Deutschland nicht. Der Begriff ist nicht geschützt. Die Ausbildungen finden an freien Instituten statt. Vom dreitägigen Kompaktkurs bis zur 5 jährigen Vollzeitausbildung habe ich im Internet alles gefunden. Das heißt, jeder der Arzt oder Heilpraktiker ist, kann sich im Grunde Chiropraktik auf das Schild schreiben. Am besten man erkundigt sich beim auserwählten Behandler über den beruflichen Werdegang. Ein authentischer gut ausgebildeter Behandler wird bei dieser Frage in keinster Weise irritiert sein. Also – nur zu.

Private Krankenversicherungen und Krankenzusatzversicherungen übernehmen je nach Vertrag die chiropraktische Behandlung. Gesetzliche Krankenkassen erstatten wohl in Einzelfällen die Therapie bei Chiropraktoren.

2. Und was ist Osteopathie?

Auch die Osteopathie ist eine alternative Heilmethode. In Deutschland ist sie an freien Instituten erlernbar. Mittlerweile gibt es in Deutschland sage und schreibe 94 Standorte (Quelle: Osteokompass), an denen man sich osteopathisch ausbilden lassen kann. Eine einheitliche, gar staatliche Regelung über diese Ausbildung existiert leider nicht. In der Regel dauert diese Weiterbildung nebenberuflich 5 Jahre. Noch selten, jedoch auch als Vollzeitstudium ist die Ausbildung schon an 3 Standorten in Deutschland möglich. In der Regel wird der recht umfangreiche Ausbildungsgang von Physiotherapeuten, Heilpraktikern und Ärzten als Weiterbildungsmaßnahme besucht. Die Methode wurde 1874 erstmals öffentlich durch ihren Begründer A.T. Still erwähnt.

Da die Ausübung der Heilkunde zugeordnet wird, muss die Erlaubnis zur Ausübung derselben vorliegen. Das heißt, die Ausübung ist derzeit Heilpraktikern und Ärzten per Gesetz vorbehalten.

Derzeit wird in Deutschland ein weiteres Nischenmodell praktiziert. Die Ausübung im Delegationsverfahren, welche jedoch nach wie vor heiß diskutiert ist. Stimmungsmache auf Seiten der Ärzteverbände sowie Kostenkontrolle durch Krankenkassen enthebeln aus meiner Sicht den eigentlichen eigenständigen Wert der Methode. Schon seit Jahren sind Bemühungen im Gang, den Beruf als allein für sich stehend anerkennen zu lassen. Andere Initiativen würden diesen Beruf gern in ihre Berufssparte integrieren.

Kurzum – dieser Beruf ist im Moment viel diskutiert.

Gott sei Dank sind viele Osteopathen einfach nur idealistisch geprägt und praktizieren unbeeindruckt der Politik, gemäß den Leitlinien des Begründers Andrew Taylor Still. 1874 stellt er seine Art zu behandeln das erste Mal öffentlich vor. In den Mittelpunkt stellt er die Ver- und Entsorgung aller Körpergewebe über Blutgefüße und Nerven.

Er war der festen Annahme, dass unserem Körper weder etwas hinzugefügt noch etwas entnommen werden muss, um Heilung zu erlangen. Das heißt, die Osteopathie in ihrer Reinform arbeitet komplett ohne Einsatz von Medikamenten, Spritzen oder ähnlichem. Als Arbeitsmittel stehen uns Osteopathen uns unsere Hände, unsere Sinne und unsere Behandlungsbank zur Verfügung.

Für einen Besuch beim Osteopathen entscheidet man sich selbst. Motivation hierzu können sämtliche Abweichungen vom normal funktionierenden Körpergeschehen sein. Das Altersspektrum reicht vom Neugeborenen bis zum Rentner.

Eine übliche Sitzung beginnt mit einer Anamnese. Das heißt ein Vorgespräch, in welchem alle Fakten zusammengetragen werden, die das gesundheitliche Geschehen beeinflusst haben könnten. Hier geht es also um Vorerkrankungen, Verletzungen, Unfälle, Operationen, einschneidende Lebensereignisse und auch psychische Erkrankungen. Osteopathen sind also grundsätzlich an jedem Hinweis interessiert und auch darauf angewiesen.

Danach erfolgt eine sehr genaue körperliche Untersuchung. Mit allen Sinnen versucht der Osteopath herauszufinden, warum es genau dieses Symptom gibt.

Allgemein geht es darum, Spannungsfelder, Blockaden oder Funktionseinschränkungen zu finden. Diese Blockaden können sich in allen Körper- oder Organsystemen befinden. Das heißt im Knochensystem, in Gelenken, in Muskeln, in Bauchorganen, in Sinnesorganen, in Blutgefäßen, im Bindegewebe, im Nervengewebe.

Die drei Teilbereiche der Osteopathie

Die Osteopathie gliedert sich in drei große Teilbereiche welche nacheinander durch intensive Beobachtung und Studium des menschlichen Körpers entstanden sind.

Der Bereich der Parietalen Osteopathie bezieht sich vorwiegend auf das Muskel-Skelett-System – dies ist der Bereich, mit welchen sich A.T. Still zunächst beschäftigte und woraus letztendlich der Name entstand. Bedeutet doch „osteon“ – Knochen und „pathos“ steht für Leiden.

Der Bereich der Viszeralen Osteopathie umfasst das System der inneren Organe wie zum Beispiel den Verdauungstrakt. Ein ganz bedeutender Forscher in diesem Bereich ist der französische Osteopath Jean Pierre Barral, welcher sehr gut darlegt, wie Emotionen unser Körpergewebe beeinflussen.

Der Bereich der Craniosakralen Osteopathie setzt sich aus „cranium“ für Schädel und „sakrum“ für Kreuzbein zusammen. Dieser von Herzschlag und Atmung unabhängige „Puls“ breitet sich über den sogenannten Liquor cerebrospinalis („Gehirnwasser“) über den ganzen Körper aus. Die freie Beweglichkeit aller Schädelknochen sowie des Kreuzbeins ist Vorraussetzung für die harmonische Ausbreitung dieses Rhythmus. William Garner Sutherland (1873 – 1954), ein Schüler von A.T. Still, hat in jahrelanger akribischer Beobachtung herausgefunden, daß sich der bis dahin steif verwachsen geglaubte Schädel als ein fein aufeinander abgestimmtes System vieler Einzelteile darstellt.

Die Ursache suchen ….

Jeder Teil des Menschen kann eine Blockade erfahren – die Aufgabe des Osteopathen ist es, herauszufinden, wo die Ursprungsblockade ist. Meistens hat sich im Laufe der Jahre ein ganzer Rattenschwanz an weiteren Symptomen hinzugebildet. Ursache-Folgekette nennen wir das. So wirkt es für manche etwas wunderlich, wenn man mit einem Schulterproblem zum Osteopathen geht und er erst einmal die Füße beginnt zu untersuchen.

Der Körper wird in seiner Gesamteinheit als Funktionseinheit betrachtet.

Es geht darum die verursachenden Faktoren ausfindig zu machen und dafür muss alles angeschaut und durchgetestet werden. Osteopathen sprechen beim Abweichen von der Normalfunktion von Dysfunktionen.

Behandlungsthese und Behandlung

Dann stellt der Osteopath eine These auf. Eine Behandlungsthese. Anhand dieser wird der Behandlungsplan erstellt. Dieser bezieht in den meisten Fällen eine Behandlung in der Praxis mit ein. Verschiedene Techniken wie zum Beispiel die sogenannten Unwindingtechniken (Entwirrungstechniken), Impulstechniken, Mobilisationstechniken für innere Organe, Faszientechniken, craniosakrale Techniken. Die Palette ist schier grenzenlos. Dazu kommen meistens verschiedene Aufgaben für zu Hause. Das können spezielle Sportübungen sein, Ernährungsempfehlungen, manchmal wird schlicht und ergreifend nur Ruhe verordnet.

In einigen Fällen jedoch – wird der Osteopath klar an Grenzen stoßen und sie weiterverweisen müssen. In die Rettungsstelle oder zur Abklärung an einen Facharzt.

Behandlungsplan und Hausaufgaben erfolgen NIE nach Schema F. Jeder Fall – ist  ein Einzelfall und wird individuell betrachtet. Schulterschmerzen bei dem Einen können ganz andere Ursachen haben als beim Nächsten.

Osteopathen betreiben individuelle Ursachenforschung. Ich sage immer etwas scherzhaft Menschensudoku. Am Ende ist alles wieder stimmig. Genau wie bei den kleinen Zahlenreihen. Und es wird gesucht, bis es stimmig ist.

Eine Sitzung dauert in der Regel 45 – 60 Minuten. Nach einiger Zeit, meist 2-4 Wochen erfolgt eine Folgesitzung, in der man schaut, was sich seit der ersten Behandlung verändert hat. Der Behandlungsplan wird dann entweder fortgeführt oder angepasst.

Osteopathie und Chiropraktik im Vergleich

Gemeinsamkeiten:

  • beide Therapieformen sind alternative Behandlungsmethoden
  • beide haben ihren Ursprung in der USA
  • beide sind in Deutschland als eigenständiger Beruf (noch) nicht anerkannt, die wohlberühmte Hoffnung stirbt zuletzt
  • beide arbeiten mit sanften manuellen Methoden
  • beide benötigen in Reinform keinerlei Gerätschaften zur Ausübung
  • beide dürfen per Gesetz in Deutschland nur vom Arzt oder Heilpraktiker ausgeübt werden
  • beide haben die Aktivierung der Selbstheilungskräfte als Ziel
  • Behandlungstermine werden in ihrer Anzahl nach individuellem Befund erstellt
  • beide ersetzen auf gar keinen Fall die schulmedizinische Behandlung

Unterschiede:

  • während die Chiropraktik die Ursache in der Blockade von Wirbeln annimmt, sucht die Osteopathie die Ursachen in sämtlichen Geweben
  • Chiropraktik geht von Irritationen im Nervensystem aus, Grundannahme in der Osteopathie ist die generelle Versorgung von Geweben über Blutgefäße sowie Nerven beziehungsweise Störung derselben
  • die Chiropraktik arbeitet vorzugsweise im Bereich des Bewegungsapparates, die Osteopathie bezieht die inneren Organe direkt und auch das sogenannte Craniosakrale System mit ein (siehe die 3 Teilbereiche der Osteopathie)
  • Chiropraktiker sprechen von Subluxationen – Osteopathen von Dysfunktionen

Unser Gesundheitsmarkt ist riesig. In der subtilen Betrachtung dieser beiden Methoden wird deutlich, dass beide in ihrer Philosophie gar nicht so extrem weit auseinander liegen. Der Mensch steht im Mittelpunkt und auf Einsatz von Gerätschaften wird verzichtet.

Wichtig scheint mir noch zu erwähnen, dass die wenigsten Behandler in der alternativen Therapie in Reinform praktizieren. So bedient sich der Osteopath mit Sicherheit an chiropraktischen Techniken und auch der Chiropraktiker benutzt sicherlich die eine oder andere osteopathische Technik. Eine ganz klare Trennung ist im Grunde kaum möglich.

Konnte ich die beiden Therapieformen für dich ausreichend auseinanderdividieren? Welche Fragen hast du nun? Bist du anderer Meinung? Dann schreib gleich einen Kommentar.

 

 

 

 

 

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