Alle Jahre wieder … oder doch nicht?

Was ist war das nur für ein Jahr. Und vor allem, wie schnell ist es an uns vorbeigerast. Eben noch sind wir im Januar oder war es doch schon Februar? Wir sehen weiße Plastikmännchen durch Wuhan stapfen. Wie sie Straßen absperren und wie sie Bewohnern verbieten, in ihre Wohnviertel zurückzukehren. Dramatische Szenen spielen sich ab. Ach, weit weg. Ist doch bloß China. Die haben doch ständig irgendwelche Keime. Das kann uns doch nicht passieren. Wir sind doch sauber … uups … das hat wohl mit sauber nicht ganz so viel zu tun, oder?

Es ist März und schon sitzen wir zu Hause. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen – 16.3.20 meine allererste Zoom-Yoga-Live-Session. Ich turne vor schwarzen Kacheln. Sie heißen ipad 2, manchmal auch Müller Meier Schulze …  Die Technik ist neumodisch und so möchte ich es jedem selbst überlassen, ob er Trump  oder die anderen Kursteilnehmer in sein Wohnzimmer gucken lässt und ob der Klarname angezeigt wird – oder eben nicht. Ist mir auch bis heute noch komplett wurscht – Hauptsache wir machen Yoga. Was habe ich mich gefreut, dass meine Teilnehmer die „Zoom-Probe-Einloggen“ Termine und schlussendlich die vielen Yogastunden wahrgenommen haben. Danke an dieser Stelle für die Offenheit und das Vertrauen.

Wie haben wir uns alle gefreut, uns da auf der Mattscheibe zu sehen. Freud´ und Leid … es liegt wohl immer nah beeinander. Gleich erreicht mich eine mail. „Frau Hintringer, ich krieg´s nicht hin. Ich schmeiße gleich mein Ipad aus dem Fenster“ … Ok…

„Wo?“  Frage ich – „…ich komme vorbei und fange es auf.“ Denn wir brauchen es noch … für den nächsten Tag, dann wenn eben das Online-Yoga wirklich startet, von dem ich gestern, also am 22.12. die letzte Stunde für dieses Jahr gehalten habe… das Ipad ist bis heute nicht aus dem Fenster geflogen, wie schön.

Über was für eine tolle technische Schwelle wir da dieses Jahr alle gegangen sind. Na gut. Alle wahrscheinlich nicht. Manche Branchen waren auch vorher schon sehr versiert in der Abhaltung von Live-Online-Sessions. Aber gerade im Bereich des Yoga, war es bei Weitem noch nicht so verbreitet. Auch im Bereich meiner Weiterbildungen scheint es mir komplettes Neuland. Ich für meinen Teil habe Freude an Online-Weiterbildungen. Ich hoffe, die Angebote bleiben bestehen. Viel effektiver alles und günstiger obendrein.

Ja – also wie gesagt. Wir sind da im März. Und uns ereilt dieser sagenhafte erste Lockdown. Und mit ihm eine gigantische Ruhe, von der sich keiner zu sagen traut, dass sie eigentlich ganz gut tut. Sind wir als Gesellschaft nur was wert, wenn es immer laut und schnell zu geht? Fetzen wir als Person nur, wenn wir ständig aktiv sind?

Verrückt.

Das ist wirklich verrückt. Hinter dicken Mauern und in verschwiegenen Therapiestunden offenbaren sich die Menschen und sagen ganz leise hinter vorgehaltener Hand: „Ich find´s schön“ … ja – ich fand´s auch schön und ich möchte gar kein Geheimnis draus machen. Vor allem fand ich schön, dass wir endlich kollektiv ein wenig Respekt voreinander lernen durften.

Endlich wird man nicht ständig irgendwo angerempelt, endlich rennt man nicht mehr Senioren um, die sich gerade vorsichtig um die Häuserecke getraut hatten. Endlich halten wir ein wenig Abstand … das erste Mal hatte ich das in Japan kennengelernt. Dort ist es immer so, dass die Menschen aufeinander acht geben, nicht auf ihr Recht und ihr Ego pochen – sondern einfach sanft bei Seite treten und sich trotzdem gegenseitig wahrnehmen. Selbst im dicksten Getümmel rammelt da keiner seinem Vordermann in die Füße. Das war wirklich beeindruckend und auf einmal hatten wir das auch …

Ich fand´s schön. Wenn wir uns nur ein Teil davon erhalten könnten … ich würde sogar Geld dafür bezahlen.

Es kommt der Sommer und wir atmen auf. Dürfen ein wenig reisen. Wir fahren mit dem Rad von Brandenburg an der Havel bis nach Hamburg und jeden Tag gibt es andere Regeln beim Frühstück. Hier ein Buffet, dort eine Bedienung. Unsere Gehirne turnen dieses Jahr auf und ab. Lernen dies, verstehen das, passen sich morgen wieder an eine neue Regel an. Oder kämpfen gegen sie.

Insgesamt der reinste Hochleistungssport. Und ja, es ist kein Wunder, dass am Ende dieses Jahres fast alle doch ein wenig müde und erschöpft sind. Der Eine wettert über diesen. Der Nächste meckert über jenen. Der Übernächste fühlt sich überlegen. Da geht es schon mal ein wenig direkter, unsanfter zu.

Auch für mich war es im Prinzip das erste Jahr, in dem ich mich zwar selten, aber doch laut und direkt ins Gesicht bewerten lassen durfte … für meine Versuche, größtmögliche Hygiene in der Praxis herzustellen und Risiken abzuwägen.

Als Heilpraktikerin bin ich dazu verpflichtet. Und wahrscheinlich werde ich diese Begebenheit genau wie das ganze Jahr 2020 nie vergessen. Auch wenn sich die Person unmittelbar für ihre verbale Entgleisung entschuldigt hat …. trifft ein Satz wie dieser doch irgendwo ins Herz…: „Frau Hintringer, sie sind die Einzige, die hier so einen Aufriß macht“…

Ja. Für Sie. Ich mache den normalen Aufriß für Sie – für meine Patienten und auch für mich. Ich mache genau den Aufriß, zu dem ich und jeder andere körpernahe Dienstleister verpflichtet ist.

Dieses eine Beispiel steht für sicherlich viele Begegnungen, nicht nur meine, in diesem Jahr.

Maske trifft auf Unmaske. Recht trifft auf Unrecht. Wissen trifft auf noch mehr Wissen. Freundlich trifft auf Unfreundlich. Voll trifft auf leer und Gegensätze ziehen sich an.

Ja, vielleicht sollte ich das alles nicht konservieren.

Ich tu´ es trotzdem – denn auch ich muss dieses Jahr oder einfach nur die Erlebnisse Revue passieren lassen und damit verarbeiten. Mich selbst hinterfragen und mich auch korrigieren.

Wenn ich die Menschen in meiner Praxis gefragt habe, worunter sie am meisten leiden – dann waren es die Respektlosigkeiten ihrer Mitmenschen. Es wurden verschiedene Sachen in diesem Kontext im Laufe des Jahres aufgezählt ….und ja, das kann ich bestätigen. Auch ich war es irgendwann leid und es hat mich müde gemacht, Erwachsene zu bitten, dass sie sich die Hände waschen. Irgendwie komme ich mir dabei saublöd vor. Verzeihung für diese Ungeniertheit.

Und irgendwie fällt mir dabei auch dieser altbekannte Spruch ein:

Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun – sondern auch für das was wir nicht tun. (Moliére)

Und ja – es ist schwer, jede eigene Handlung zu reflektieren. Das kostet Zeit, Wachheit und Aufmerksamkeit – die nun mal nicht in jedem Moment da ist. Es gibt noch mehr Dinge in unserem Leben, als zu hoffen, dass man keinen anderen mit den eigenen Gedanken oder Handlungen verletzt.

Dennoch – wenn ich jetzt schon einen Vorsatz fürs neue Jahr formulieren kann, dann ist es dieser. Ich will versuchen mir das immer wieder vor Augen zu führen, was meine Gedanken und Handlungen im Gegenüber bewegen.

…Ja und alle Jahre wieder sind wir schneller als wir gucken konnten in der Weihnachtszeit gelandet. Rollen die Augen über die ollen Weihnachtsmarktbuden …. äh huch … da sind ja dieses Jahr keine. Vermissen wir etwa dieses Jahr, genau all jene Sachen – über die wir sonst gestöhnt haben?

Das zu beantworten – überlasse ich nun jedem selbst.

Es ist der 23.12.2020 – und es bleibt mir nun nur noch, Euch und Ihnen allen Frohe und Besinnliche, ruhige und erholsame Weihnachten zu wünschen. Blicken wir bei allem Trubel dennoch zuversichtlich nach vorn und ergreifen die Chancen, die sich uns in nächster Zeit vielleicht offenbaren.

Schau gern bald wieder hier rein … und für Deine Gedanken zum Beitrag ist wie immer Platz in den Kommentaren.

Wenn ich ein bestimmtes Thema mal aus meinen therapeutischen Augen beleuchten soll, dann schreib mir das ebenfalls. Ich freue mich über Anregungen.

Bis bald – liebe Grüße

Sandra Hintringer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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