Warum echte Helden nicht wirklich auf der Couch liegen sollten …

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Liebe Leute. Ich möcht´s heute kurz machen und aber dennoch meine Gedanken loswerden. Unlängst hat die Bundesregierung ein paar Videos rausgehauen, die uns suggerieren wollen, dass wir alle echte Helden sind, wenn wir während der Pandemie wie die hinterletzten Penner auf der Couch rumlümmeln.

Die Chipstüte in der Hand, kalte Ravioli aus der Büchse löffeln, Softdrinks ohne Ende in uns kippen, Fernsehen und vielleicht gerade noch am Rechner zocken … puh.

Das ganze ist verpackt und inszeniert, als würden Kriegsveteranen mit zittriger oder auch mit stolzer Stimme über „damals“ sprechen …

…damals… es war 2020.

Es spielt völlig überzogene dramatische Musik, irgendwo taucht eine Medaille auf, schweifen Augen in die Erinnerung und die Couch wird plötzlich zur Front.

Eins passt nicht zum nächsten. Ich muss lachen – obwohl ich es nicht zum Lachen finde.

Das lässt mich stutzig werden und genauer darüber nachdenken …

Aus einem Grund ist die Parallele zum Krieg richtig.

Aus traumatherapeutischer Sicht zählt eine Pandemie als unvermeidbarer Angriff. Genau wie ein Krieg. In beiden Fällen haben wir eher keine Wahl – als eine Wahl. Wir müssen das Übel irgendwie durchstehen.

Das dies nun mit einem witzigen Video gelingen kann – wage ich jedoch zu bezweifeln. Denn diese Videos suggerieren uns, dass es völlig ok ist, passiv zu Hause zu sitzen.

Wenn wir jedoch die Parallele zum Krieg ziehen, dann sollten wir das konsequent tun.

Eine Pandemie hinterlässt einen Schock in der Gesellschaft und auch in der einzelnen Person. Genau wie ein Krieg. Betrachtet man Schock aus physiologischer Sicht, ist es einfach nur ein Einfrieren, eine Starre aus Mangel an Handlungsspielraum. Aus Angst vor Angriff oder noch schlimmer – aus Angst zu sterben. Und so ist es in vielen Bereichen unserer Gesellschaft ja auch. Viele haben sich massiv zurückgezogen. Funktionieren auf Sparflamme. Befinden sich im Schock, in der Starre. Alles dauert gerade tausendfach länger als die Jahre zuvor. Das hast du bestimmt auch schon bemerkt.

Wir müssten uns also eigentlich irgendwie gerade aus diesem Schock rausschütteln. Richtig?

Der nächste Schritt in diesem logischen physiologischen Ablauf ist also immer das Auftauen aus dem Schock. Und das funktioniert über Orientierung. Bin ich in Sicherheit? Wie ist die Lage? Wo ist der Feind? Ist er noch da? Wieweit kann ich mich bewegen, um in Sicherheit zu bleiben?

….und nach der Orientierung erfolgt sozusagen ein „Schütteln“ und „Weitermachen“, um es mal sehr vereinfacht auszudrücken.

Praktisch ist dies natürlich alles mit gewisser Anstrengung, mit Gefahrenempfinden, mit Schmerz und auch mit Erschöpfung verbunden.

…nun gut. Aber wir wollten ja bei der Parallele zum Krieg bleiben.

Dazu lohnt es sich, nochmals zu erinnern, wie sich die Menschen damals verhalten haben. Beziehungsweise, wie sie sich auch in derzeitigen Kriegsgebieten der Welt verhalten.

Und eins haben die Leute während und auch ganz bestimmt nicht nach Ende des Krieges getan ….

Richtig.

Sie haben garantiert nicht faul auf der Couch gelegen.

Sie sind rumgerast und haben versucht, ihr Leben neu zu strukturieren. Sie haben sich orientiert. Sie haben neues gelernt und sie haben angepackt. Sie haben mit bloßen Händen Trümmer geschleppt und aufgebaut, was aufzubauen ging. Haben betrauert, was zu betrauern war.

Oder, und auch dieses Thema ist ja ein Dauerbrenner … sie begeben sich auch auf die Flucht … und damit in Bewegung.

Das muss ihnen keiner sagen. Das geht automatisch, das ist Instinkt.

Überlebensinstinkt.

Und genau den sehen wir ja auch zur Zeit dieser Pandemie.

Die Leute orientieren sich neu. Packen neue Berufsfelder an. Probieren aus und lernen täglich Neues. Nebenbei helfen sie sich gegenseitig es enstehen viele Solidargemeinschaften und und und …

Und auch dazu mussten sie – müssen wir nicht angeleitet werden.

Denn es ist physiologisches Verhalten … Überleben wollen.

Also weitermachen.

Wunder Natur … kein einziges Lebewesen ist an Selbstzerstörung interessiert.

…So … und nun finde den Fehler in diesen Videos. Dort sollen wir uns stolz fühlen, faul zu Hause zu liegen. In selbstzerstörerischem Verhalten. Dort wird uns bestätigt, dass es ok ist, Dosenessen und Chips in uns zu stopfen. Mir ist schon klar, dass man die Deutschen irgendwie dazu bewegen möchte, zu Hause zu bleiben. Das bedarf eigentlich keiner verklausulierten Erklärung. Das wissen wir und das praktizieren die meisten von uns seit März.

Aber was soll denn eigentlich werden, wenn sich jetzt 80 Millionen in dieser Krise faul auf die Couch legen und feiern, als lägen wir gerade auf Hawaii in der Sonne?

Oder anders … wir werden mit diesen Videos zu einem komplett A-Physiologischen Leben animiert.

… und das ist Mist. Ganz einfach.

Besser wäre es, den Handlungsspielraum, der jetzt da ist – für unsere Gesundheit, für neues Wissen und auch für die Entwicklung der Wirtschaftskraft einzusetzen.

…klug wäre es also, wenn wir verstünden … wo genau für uns, also für jeden von uns dieser Handlungsspielraum genau ist.

Vielleicht verkenne ich ja auch die ultrageniale Botschaft dieser Videos, dann schreib´ mir gern, mal in die Kommentare, wie die aus deiner Sicht lautet.

Und: Gott sei Dank haben wir Tausende YouTube Päpste, die uns zu Gesundheit, Bewegung und gutem Essen motivieren. Das brauchen wir.

Danke für deine Aufmerksamkeit. Bleib gesund ….

„Sapere aude“ = „Wage es, weise zu sein.“ (lateinisches Sprichwort)

(achso – wenn du müde bist, darfst du natürlich auf deine Couch und natürlich auch lümmeln. Aber das hat ja nun mit Heldentum nicht viel zu tun sondern da geht es wohl eher um Erholung. Aber das ist ein ganz anderes Thema.)

Bis bald.

Autorin: Sandra Hintringer

 

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