Über Osteopathie und was das Ganze mit Esoterik zu tun hat

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Schon lange beschäftigen mich Gedanken wie: Ist Osteopathie esoterisch? Was ist überhaupt Esoterik? Ist alles was im Maß der öffentlichen Meinung nicht ausreichend wissenschaftlich belegt ist, automatisch esoterisch? Weil inhaltlich nicht greifbar?

Und zählt die Frage nach einer Gefühlslage oder der persönlichen Wahrnehmung schon als Esoterik?

Längst fühlte ich mich unangesprochen angesprochen, als folgende Definition von Osteopathie zu mir kam: „Aah, Osteopathie. Das ist doch eine erweiterte Physiotherapie nur mit esoterischem Umbau“.

Ach herrje. Recht pauschal beziffert, wie ich finde.

Mir schwante, das solch´ ein Blogbeitrag ein Fass ohne Boden und auch ein heißes Eisen ist. Denn ich bezeichne mich weder als esoterisch, noch als spirituell, so gesehen habe ich keine Ahnung von All dem Ganzen. Und dennoch oder vielleicht gerade deshalb wollte ich endlich einmal dieser Frage nachgehen.

Unlängst tauchte dann in einem Osteopathieforum wieder einmal die Frage beziehungsweise die Suche nach einem nicht-esoterischen Osteopathen auf. Das war er. Der springende Punkt – an dem dieser Beitrag startet. Denn ein weiteres Mal fragte ich mich, was eigentlich ein nicht-esoterischer Osteopath ist. Oder andersrum gefragt – was ist ein esoterischer Osteopath? Ich habe die Frage im Forum gestellt – und nicht wirklich viele Antworten bekommen.

Beginne ich unüblicherweise mal mit einem Fazit.

Osteopathie kann esoterisch sein. Osteopathie kann spirituell sein. Osteopathie kann aber auch einfach nur pragmatisches Lösen einer Ursache-Folgekette sein.

Was ist überhaupt Osteopathie?

In ihrer Reinform, so wie sie vielerorts beschrieben steht und so wie ich sie innerhalb meiner fünfjährigen Weiterbildung gelernt habe, ist Osteopathie eine manuelle also ausschließlich über die Hände des Therapeuten praktizierte Heilmethode. Anwender in Deutschland unterliegen dem Heilpraktikergesetz, welches besagt, dass nur derjenige die Osteopathie ausüben darf, der entweder als Arzt oder Heilpraktiker bestallt ist.

Im Kern geht es darum, die sogenannte Schlüsseldysfunktion zu finden, also das fehlerhafte Puzzleteilchen im Organismus, welches aus der Reihe tanzt und somit Symptome entstehen lässt.

Über eine klassische eingehende Befragung, funktionelle Tests, das Begutachten und Erfühlen von Körperstruktur findet der Behandler zu seiner These. Anhand dieser stellt er den Behandlungsplan auf.

Und während die klassisch schulmedizinische Therapie einem symptomatischen Ansatz folgt, streben wir in der Osteopathie immer nach einer holistischen Denkweise. Die betrachtet selbsterklärenderweise neben dem Körper auch die Psyche, Alltags- und Essverhalten und alles was irgendwie den menschlichen Körper beeinflussen könnte.

…und hier kommen wir wahrscheinlich zu der Grenze, wo Worte wie Esoterik langsam auf der Bildfläche erscheinen.

Fast möchte ich unterstellen, dass das Wort Psyche und alle damit verbundenen Belange…

Definition Quelle Wikipedia: „Die Psyche bezeichnet die Gesamtheit aller geistigen Eigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale eines Individuum oder speziell eines Menschen. Sie beinhaltet Fühlen, Denken und sämtliche individuelle geistige Fähigkeiten, also somit auch unter anderem Denkvermögen, Lernfähigkeit, Emotionen, Wahrnehmung, Empfindung, Empathie, Wissen, Intuition oder Motivation.“

…so dann und wann fehlgedeutet, vielleicht auch aus Kompensationsgründen als esoterisch abgewunken werden.

Alles, wo der Mensch vielleicht nicht ran möchte, was möglicherweise momentan außerhalb der eigenen Kontrolle oder Greifbarkeit liegt – wird kurzerhand als esoterisch und damit scheinbar nicht weltlich, nicht statthaft und in jeder Form als ablehnenswert erklärt.

Lieber das, als sich in der Tiefe damit auseinanderzusetzen, die eigene Wahrnehmung genauer zu hinterfragen. Zumindest ich nehme das so wahr, dass Esoteriker landläufig durchaus auch mal als Spinner bezeichnet werden – und mit so einem Quatsch möchte man sich nicht befassen.

Die Grenze ist wirklich schwer zu ziehen. Gibt es überhaupt diesbezüglich eine Grenze?

Selbst ein Spiegel Bericht aus dem Jahr 2012 teasert über Osteopathie: „Esoterik oder ganzheitliche Heilkunst?“ Im Prinzip ein Widerspruch in sich – wenn man länger drüber nachdenkt. Und was eingehend des Beitrages nach einer spannenden Auseinandersetzung zum Thema klingt – endet extrem kurz und recht flach in der Erwähnung der Teilbereiche der Osteopathie mit Betonung und mehr als diese Betonung ist es leider auch nicht, auf dem umstrittensten Teil – der kraniosakralen Osteopathie. Woher die Informationen bezogen wurden, lässt sich nicht nachvollziehen.

Ist eine Heilmethode also esoterisch, weil man angeblich vergeblich nach Wirksamkeitsnachweisen sucht? Das ist schon sehr abstrakt und weit hergeholt… und man könnte zum Beispiel hier schauen – um einige Studien zu Osteopathie zu finden.

Was genau ist eigentlich Esoterik?

(Quelle: Wikipedia)

Der Begriff Esoterik steht übergeordnet für Geheimlehren. Lehren, deren Wissen nur einem bestimmten, jedoch nicht definiertem Personenkreis zugängig ist.

1772 wird das Adjektiv „esoterisch“ erstmalig und auch in dem Kontext der Geheimlehre aus dem Französischen und Englischen ins Deutsche übernommen. Erst seit dem 20 Jahrhundert sind diesem Wort Bewertungen wie weltfremd, versponnen, geheimnistuerisch und unverständlich anhängig.

Wissenschaftlich unterscheidet man diesen Begriff in religions- und geschichtswissenschaftliche Ansätze.

Die Geschichte der Esoterik geht bis in die Antike zurück. Schaut am besten mal selbst zu Wikipedia rüber.

Um es hier nicht zu weit zu verzweigen und vor allem, nicht dass der Beitrag noch als #esoterisch, weil #unverständlich deklariert wird, halte ich mich für meinen Diskurs mal an der Aussage, Esoterik ist Wissen, welches nur bestimmten Personengruppen zugängig ist. Ob allein dieser Fakt, die Zugängikeit nur für eine bestimmte Personengruppe, schon als geheim zu bezeichnen ist, würde ich verneinen.

Denn in diesem Beitrag geht es ja um die Frage – was genau an Osteopathie esoterisch sein kann.

Das Wissen der Osteopathie ist jedem Mensch in Deutschland frei zugängig. Damit ist Osteopathie zumindest aus diesem Grund für mich nicht esotherisch.

Entweder man nimmt an den unzähligen Weiterbildungen teil – oder studiert sich durch die Vielzahl von mittlerweile vorhandener Literatur.

Geheim ist das Wissen um Osteopathie keinesfalls.

Wer das behauptet, hat sich nicht informiert und hat wahrscheinlich einfach weder Zeit noch Lust, 5 Jahre die Schulbank einer Osteopathieschule zu drücken und zuvor den nötigen Vorberuf zu ergreifen. Denn ja – soweit ich weiß, werden für osteopathische Weiterbildungen vorrangig Bewerber mit medizinischem Vorberuf zugelassen. Also Ärzte, Heilpraktiker, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden. (Fallen Euch noch mehr Berufsgruppen ein? Schreibt es mir mal bitte in die Kommentare)

Später, also Anfang des 20. Jahrhunderts, so lese ich weiter bei Wikipedia, entwickelt C.G. Jung das Konzept des „kollektiven Unbewussten“. Hier geht es um verschiedene Bewusstseinszustände, verschiedene Ebenen der Wirklichkeit und das Überschreiten der Grenzen dorthin.

In dem Zuge werden Meditationstechniken, Channeling, Trance und auch psychoaktive Drogen wie LSD genannt.

Kleine Zwischenbemerkung – das sind alles Dinge, von denen innerhalb meiner fünfhährigen Weiterbildung Osteopathie niemals die Rede war. Stattdessen haben wir Anatomie gebüffelt und versucht, die Zusammenhänge im Körper zu verstehen.

Und: In einer klassisch osteopathischen Sitzung ist der Patient, wenn auch manchmal tiefenentspannt und scheinbar abwesend, aber immer Herr seiner Sinne und bekommt keinerlei Substanzen verabreicht.

Trotzdem hängt der Methode Osteopathie der Vorwurf der Esoterik an. Mir leuchtet es immer noch nicht ganz ein. Reichen dafür tatsächlich ein paar wenige, inhaltlich recht mager bestückte und vor allem aus reinen Behauptungen bestehende Internetbeiträge auf Psiram oder ähnlichen Seiten?

Reicht dafür, wenn eine Praxis ohne tieferen Hintergrund nach Räucherstäbchen riecht oder an der Wand ein paar mittlerweile recht gängige, fast trendige Symbolbilder hängen? Also Dinge, die neuzeitlich fast in jeder Wohnung zu finden sind und einfach dem Wohlbefinden dienen? (zwar auch eine gewisse Beeinflussung darstellen – aber Wohlbefinden ist doch nun wirklich nicht esoterisch?)

…. es kommt noch ein Aspekt hinzu:

Im Wikipedia-Beitrag zu Esoterik ist das ganzheitliche Konzept der Natur beschrieben. Angestrebt wird ein Leben im Einklang mit der Natur.

Ja – das ist ein absolut ausgemachtes Ziel beziehungsweise eine Anschauung von uns Osteopathen.

Ganz pragmatisch geht es um möglichst naturbelassene Nahrung, zirkadiane Rhythmen und das Bewusstsein der Ganzheit und rein strukturell in den Sitzungen um das Herstellen der Physiologie in den körperlichen Abläufen. Alles ist mit allem verbunden.

Sind wir mit unserer Osteopathie deswegen esoterisch?

Ich denke ganz klar nein.

Man darf das eine nicht mit dem anderen vermischen. Die paar wenigen Netzvorwürfe oder plump dahingeschwurbelten Bewertungen in diese Richtungen sind hier und da mit Beispielen belegt. Zum Beispiel dem Besuch auf einer Esoterikmesse. Auch ich habe eine solche Messe in Berlin schon einmal besucht und muss sagen, ich fand es grottenlangweilig bis hanebüchen.

Nur weil einer um meinen Kopf rumwedelt und dabei kryptische Silben murmelt, wahnwitzig oder pseudoschlau guckt – muss ich noch längst nicht glauben, er hätte ein höheres Wissen oder gar Wissen über mich. Wenn mir einer auf solch einer Messe weismachen möchte, er sei ein Medium und nur er könne wissen, was ich jetzt brauche… dann kann er das gerne propagieren. Glauben – glaube ich, was ich will.

Und ich persönlich glaube weder an ein Medium, an Engel oder Atlantis, auch an keinen bestimmten Gott.

Jeder darf und muss selbst entscheiden, woran er glaubt.

Ich glaube zum Beispiel sehr stark an meine Intuition.

Ich habe gelernt, selbst wahrzunehmen, Dinge kritisch zu hinterfragen oder auch instinktiv zu bewerten. Das passiert ohnehin ständig und unterbewusst.

Wer also eine solche Messe besucht und sich alles Mögliche einreden lässt – hat seine Chance der Selbstkritik, der Selbstüberprüfung aufgegeben, verspielt oder einfach nicht genutzt. Manche Menschen mögen das Geheimnisvolle. Manche sind gern von anderen abhängig. Wer sich darauf einlässt – ist auch durch jede andere Meinung, Strömung oder Vorgabe beeinflussbar.

Manchmal ist das eine bewusste Lebenshaltung und manchmal tatsächlich eine noch unerkannte Überlebensstrategie. Sich unterordnen, anpassen und brav beziehungsweise einem anderen, scheinbar stärkerem hörig sein. Zig Bücher der Traumaliteratur sind voll davon …

Das allein hat aber überhaupt nix damit zu tun, ob nun eine Methode in sich esoterisch ist oder nicht.

Eine Methode wird esoterisch – wenn ich möchte,

dass sie esoterisch ist.

Wenn in meiner Wahrnehmung der Himmel grün ist – ist er grün.

Diese Tatsache lässt sich kaum widerlegen.

Und genauso verhält es sich in osteopathischen Sitzungen. Recht oft sagt irgendjemand zu mir: „Sie haben magische Hände“ oder „Sie sind eine Zauberin“ … mir wird ein Hoheitsstatus verliehen, denn ich absolut nicht haben möchte.

Leider könnte ich genau aus diesem Grunde meinen Patienten alles erzählen. Das der Darm falsch herum dreht, das der Magen ein wenig zu hoch hängt, das der Schädel in sich verdreht ist (in Osteoschwurbel „Torsion“) …. ohje ohje …. aber ganz ehrlich?

Was soll das.

Warum soll ich mich ins Überschlaue, Nichtnachvollziehbare, Geheimnisvolle – vielleicht sogar ins Manipulative erheben? Natürlich möchte ein Patient wissen, ob ich kompetent bin und ausreichend Fachwissen angehäuft habe. Völlig normal.

Dennoch soll jede meiner Behandlungen nachvollziehbar sein. Relativ oft frage ich sogar bei meinen Patienten nach und frage: „Können Sie das so für sich wahrnehmen?“ …. manchmal können sie es und manchmal können sie es nicht.

Beides ist ok.

Doch fatal ist, wenn sie es nicht können und ein Gefälle zwischen uns entsteht. Ich die augenscheinlich Besserwissende, die Osteopathin … dann kann das ähnliche Abhängigkeitsverhältnisse, wie sie von Gurus aus der Spirituellen Szene bekann sind, bekommen.

Das genau das nicht passiert – dafür muss ich als Behandlerin sorgen.

Falls nicht, dann bekommt es vielleicht diesen esotherischen Touch, von dem hier einige reden und den ich gern widerlegt sehen würde. Ich empfinde mich in keinster Weise als esoterische Osteopathin – doch allein mit dieser,  durch andere vollzogenen Bezifferung, wird dieser Methode eine Chance vergeben.

Zum großen Teil sind wir Osteopathen also selbst dafür verantwortlich, ob wir uns in eine esoterische (weil geheimnissvoll) Ecke quetschen lassen möchten.

Oder eben nicht.

Was meint ihr denn?

An meine Kollegen da draußen: Eine offene Diskussion würde mir gut gefallen. Bezeichnet ihr euch als esoterisch? Was genau macht für euch den Status eines „esoterischen Osteopathen“ aus?

Und an alle Patienten: Findet ihr, dass Osteopathie esoterisch ist? Warum? Welche Elemente in osteopathischen Sitzungen sind euch begegnet, die ihr als esoterisch empfunden habt? Ich bin echt neugierig ….

…schreibt es mir gern rein in die Kommentare oder schreibt mir eine mail an info@osteopathie-hintringer.de

 

 

Autorin: Sandra Hintringer

 

 

 

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