Schrei wenn du verstehst – Buchrezension

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Schrei wenn du verstehst – Anette Hofmann

(Werbung – denn ich stelle ein Produkt vor)

Das muss ich erst mal klarkriegen. Sie – Anette – ist Autorin eines wundervollen Buches. Anfang dieses Jahres fahre ich zur NARM-Fortbildung (NARM = neuroaffektives Beziehungsmodell /Larry Heller) nach Köln.

Die erste Mitstreiterin, die ich treffe und spreche, ist Anette H. Sie hat ihren – „ich checke mal alle Eintreffenden ab“ – Posten im Hof bezogen und raucht fröhlich eine Zigarette. Ihre unbesorgt offene Art spricht mich gleich an. Wir begrüßen uns. Während ich erst einmal reserviert bin, man weiß ja nie auf wen man so trifft…. wäre Anette mir zur Begrüßung gleich um den Hals gefallen. Aber sie spürt ganz genau, das mich das überfordern würde. (später lachen wir gemeinsam drüber)

So geht die Fortbildung los, in der es insgesamt noch sehr intim werden soll. Unsere Beziehung zu unserer Wut, unser Verhalten in neuen Gruppen, unsere Vermeidungsstrategien … all das sollen wir mit Fremden teilen, teilweise im Monolog besprechen. Wir ziehen uns quasi einmal nackig aus.

Wenn uns das auch alle insgesamt sehr berührt, kann Anette H. das nicht wirklich schocken, denn in ihrer, im Herbst 2018 erschienenen, Autobiografie zeigt sie schonungslos, was man in einem Menschenleben alles erleben kann. Sie schreibt von Gewalt, Mißbrauch, Sucht – vor allem ihr jahrelanger, kaum zu bezwingender Drogenkonsum findet hier ein Podest. Das Buch heißt: „Schrei wenn du verstehst“ und trägt den Untertitel „Mein Leben mit und ohne Drogen“ Es ist im Verrai Verlag erschienen. Ähnlich Betroffene werden beim Lesen unglaublich Hoffnung schöpfen, Szenefremde erfahren viel Wissenswertes über Ursachen und das Leben und Wesen der Sucht.

Das Buch in Paperback verspricht schon auf dem Titelbild emotionale Tiefe und Schonungslosigkeit. Die Silhouette eines brüllenden Tigers auf grauem Grund sowie das im unteren Teil bunt gestaltete mehrfach in verschiedene Farben kopierte Fixerbesteck lassen mich erahnen, dass es in diesem Buch vielfach keine Tabus geben wird. Ich bin auf alle Fälle neugierig gespannt.

Die Einleitung

Ungeduldig überfliege ich das Vorwort einer Kollegin, welches Anette H. als mutiges Vorbild, fernab von Christine-F. Klischees würdigt. Es folgen noch mehr zustimmende und dankbare Leserstimmen, welche vor allem meine Neugier immer weiter vorantreiben. Dann beginnt das dreiseitige Inhaltsverzeichnis – ganz nach meinem Geschmack. Die Kapitel sind nach der jeweiligen Lebensepisode benannt, zum Beispiel: „Wie kommt eine Junkiebraut auf die Idee, Streetworkerin werden zu wollen? …das interessiert mich echt und ich stürme zum Hauptteil.

Ich muss sagen, ich habe dieses Buch an einem Nachmittag aufgesogen. Der erzählende Stil, der eine krasse Story nach der nächsten hervorbringt, treibt mich durch die 40 mehr oder weniger langen Kapitel. Vor einigen Kapiteln sind Jahreszahlen sowie in Kursivschrift ihre Gedanken zu dieser Zeit genannt. Das Buch beginnt im August 1965 mit der Geburt der Autorin und beschreibt das Ausgeliefertsein im Kindheitsalter, die Bedeutung und die Folgen (nicht)funktionierender Familiensysteme, die rebellische Art im Erwachsenwerden, die Lust im Verbotenen und den zwanghaften Konsum sämtlicher verfügbarer Drogen. Ich bin erstaunt über die Offenheit und auch Unerschrockenheit der Autorin. Einmal mehr frage ich mich, ob das wirklich die gleiche Person ist, welche ich auf der Fortbildung hab´ kennenlernen dürfen. Vom Schoß des Großvaters, den sie gegen Bezahlung einnehmen muss – über auf Kreuzungen geparkte Autos erfährt der Leser, wie sich der Bogen aus der Kindheit ins Erwachsenenverhalten – ins durch Drogen durchzogene Leben spannt.

Doch nicht nur das. Wie ein roter Faden zieht sich das Funktionieren müssen und auch das Wollen, erst recht das Können der Anette H. durch das Leben sowie das Buch, ein berufliches Leben das als Krankenschwester beginnt und nun einen klar definierten Platz in der Traumaarbeit und akzeptierenden Suchtarbeit hat. Ein Leben in dem nun Platz ist für eine tolle Beziehung sowie Luna, ihre tolle Hündin, die ihr zeigt, was das Leben im Hier und Jetzt zu bedeuten hat.

Im abschließenden Teil gibt es Details zu den verschiedenen Drogen sowie Safer Use Tipps. Wenn schon – dann so, dass man sich dabei nicht kaputt macht. Sagt Anette …. welche wohl mehr als einen Schutzengel bei sich hat.

Kritik?

Keine. Oder halt – doch. Das Buch ist zu kurz. Öfters hätte ich gern nachgehakt, nachgefragt – für mich hätte es noch eine Nuance detaillierter sein können. Das mag damit zusammenhängen, dass ich selbst Traumatherapeutin bin und immer Erfahrungswissen suche. Aber vielleicht ist es auch gut so, jetzt wo alles vorbei ist – dass manche Dinge eben nur eine kurze Notiz in dem Buch sind, nicht ausgewalzt und damit auch nicht konserviert werden.

Und das Fazit?

Ich möchte das Buch einfach nur jedem empfehlen, der glaubt, sein Leben sei unbezwingbar, nicht auszuhalten oder sonst in irgendeiner Härte. Anette H. zeigt, dass es aus jeder, wirklich jeder gottverdammten Krise einen Ausweg gibt, zeigt – dass wir im Leben manchmal fürchterliche Dinge aushalten müssen aber irgendwie auch immer können. Das Buch macht vor allem Hoffnung und hat eine große Vorbildfunktion. Ja – ich möchte mich verneigen, vor ihrem Mut, ihrer Kraft, ihrer Klarheit und vor allem vor deinem so überaus weit offenen Herzen. Anette – du hast es geschafft und ich bin gespannt – was da noch so alles kommt. Vielleicht ein Buch Teil 2?

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Ich bedanke mich für Dein Interesse an dieser Buchrezension, wenn auch Du ein Buch kennst, was ich mal lesen und vorstellen soll – lass es mich wissen.

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