Wanderschmerz – der Schmerz der am Körper wandert.

WanderschmerzWanderschmerz: Im ersten Moment könnte man glauben, dass dieses Phänomen etwas mit der Sportart Wandern zu tun haben könnte. Aber ganz so einfach ist das nicht. Es geht um wandernde Körperschmerzen – also Schmerzen, die sich unwillkürlich am ganzen Körper zeigen. Was es genau damit auf sich hat und wie wir der Sache osteopathisch begegnen, darum soll es in diesem Beitrag gehen.

Was ist das eigentlich? Der Wanderschmerz?

Beim Wanderschmerz geht es ganz klar um das Symptom Schmerz. Viele von Ihnen kennen zumindest das Symptom Schmerz. Ein Muskel, ein Organ oder eine Körperregion schmerzt mal mehr oder weniger stark. Statistiken beziffern, dass jeder Mensch mindestens 1x im Leben unter Rückenschmerzen leidet. Ich persönlich verstehe Schmerz als Schrei des Körpers. Schmerz als Signal, dass die körpereigenen Reparatur und Regenerationsmechanismen nicht mehr greifen. Besonders bei diesen einmaligen Schmerzattacken lassen sich meistens recht klare Zusammenhänge erstellen. Dann kommen die Leute Montags in die Praxis sagen: „Am Wochenende habe ich meine Zufahrt gepflastert und jetzt habe ich Rückenschmerzen.“  

Beim wandernden Schmerz beginnen die Symptome scheinbar grundlos und lassen sich auch nicht ganz so leicht von Therapien beeindrucken. Sie dauern oft Monate oder Jahre an und verändern sich ohne direkt erkennbare Ursache. Manchmal geschieht das mehrmals täglich.  Das heißt, es könnte sein, dass am Morgen Schmerzen im unteren Rücken auftreten. Im Laufe des Tages schmerzen dann vielleicht die Fingergelenke und am Abend der Nacken. Auch die Schmerzqualität ändert sich – Druckschmerz, ziehender Schmerz, einengender Schmerz, Organschmerzen… Patienten schildern uns die verschiedensten Qualitäten. Viele Betroffene sind nahe am Verzweifeln und oft bringen sie eine lange Leidensgeschichte mit. 

Auch viele Behandler kennen das Phänomen sehr gut von ihren Patienten. Beim 1. Termin wird möglicherweise der Nacken behandelt. Die Schmerzen können gelindert werden und wenn der Patient zum nächsten Termin kommt, bringt er einen neuen Schmerz oft mit der Formulierung mit: Jetzt ist der Schmerz runter- oder hochgerutscht.

Na gut. Das macht ein Schmerz jetzt nicht – Schmerzen können in dem Sinne nicht wie so ein Bierdeckel auf dem Tisch umherrutschen. Vielmehr zeigt sich das Symptom Schmerz an verschiedenen Stellen. Und deshalb nennt man es Wanderschmerz.

Lokal oder systemisch?

Spätestens jetzt, wenn wir merken – aha – der Schmerz wandert, lohnt es sich, die Sichtweise auf das Große Ganze – also auf das gesamte Körpersystem zu lenken. Ein Schmerz der wandert ist definitiv ein systemisches und kein lokales Problem. Und genau da liegt die Falle, in die wir alle nur allzu gern reintappen. Immer wieder fokussieren wir auf den lokalen Schmerz, dabei braucht dieses Körpersystem was wesentlich umfänglicheres, als lediglich eine lokale Betrachtung oder Behandlung. 

Wie lässt sich das große ganze Körpersystem verstehen? 

So wie wir alle gerade hier beim Lesen vor unseren Geräten sitzen bestehen wir grob und mechanistisch betrachtet aus Körperteilen. Arme, Beine, Kopf Rumpf. Ein bisschen reingezoomt gibt es Knochen, Muskeln, Sehnen, verbindende Gewebe, Blutgefäße, Nerven und viele Organe und ganz tief reingeschaut reiht sich Zelle an Zelle an Zelle. Und über all die gröberen und ganz feinen Strukturen ist alles aber auch wirklich alles ist mit allem an unserem Körper verbunden. Eine Struktur geht nahtlos in die nächste über und ist fein ausgeklügelt auf unsere Körperfunktionen abgestimmt. 

Und wie kommt es nun zu diesen wandernden Schmerzen?

Je nachdem, in welcher Klimazone wir uns nun befinden – also ob zum Beispiel große Hitze oder eisige Kälte herrscht, wie wir uns allgemein verhalten, wie wir uns ernähren und wie wir auf unsere Umgebung reagieren – reagiert unser Körpersystem unbewusst mit. Dies wird maßgeblich über das vegetative Nervensystem gesteuert. 

Ganz grob gesagt reagiert der Körper mit Enge und Weite. Mit Anspannung oder Entspannung. Je nachdem, wie sicher oder eben wie gefährlich oder bedrohlich unser Unterbewusstsein die Situation einschätzt. 

Ab dem Zeitpunkt unserer Zeugung, also im Laufe unseres ganzen Lebens summieren sich Ereignisse, Reize, Stressreaktionen. Hier hinein müssen wir sowohl andauernde  mechanische, thermische Belastungen, Traumatisierungen, soziale Konflikte und auch chemische Prozesse hineinrechnen. Man spricht hier regelrecht vom Zellstress, das heißt – die Funktionen der einzelnen Zellen geraten in Dysbalance – möglicherweise kommt es aufgrund dessen zu vielen kleinen Entzündungen oder Verhärtungen am ganzen Körper. Dann tauchen in der Akte plötzlich Diagnosen wie Fibromyalgiesyndrom, Weichteilrheuma oder Somatoforme Störungen auf. Das klingt in jedem Fall dramatisch und vielleicht erkennen Sie sich ja auch zum Teil wieder. 

Dennoch lohnt es sich, den Blick immer und immer wieder auf die gangbaren Wege und damit auf die Möglichkeiten, auch bei langwierigen Symptomen zu lenken.

Wie geht man am besten mit wandernden Schmerzen um?

Wahrscheinlich ändert sich schon jetzt, während ich erzähle, zumindest ein wenig Ihre Sichtweise auf Ihren Körper. Und das ist gut – denn ich glaube, das ist uns allen bewusst – das bei diesem Symptom die Gefahr besteht – dass wir in die Falle tappen könnten, uns zu sehr auf den Einzelschmerz und weniger auf das Systemische zu konzentrieren. 

Die Beobachtung in der Praxis zeigt aber auch, dass sich  Menschen sehr gut mit den Symptomen arrangieren oder vielmehr arrangieren müssen. Denn mit diesen Beschwerden ziehen die Leute oft jahrelang  von Arzt zu Therapeut zum nächsten Arzt und zum nächsten Therapeut und gefühlt hilft nichts. Und nicht selten landen genau diese Leute als sogenannt “austherapiert” in der osteopathischen oder anderen komplementärmedizinischen Praxen. 

Was kann die Osteopathie in dem Fall leisten? 

Wie bei jedem anderen Symptom gehen wir in der Osteopathie natürlich erst einmal unbefangen und auch unbeeinflusst von Vormeinungen auf Spurensuche und versuchen die Ursache für den Stress und damit die Ursache für den Wanderschmerz im System zu finden. Das geschieht vor allem durch eine eingehende ausführliche Befragung, eine gründliche körperliche Untersuchung und eine Funktionsprüfunge. In den meisten Fällen zeigt sich dann bereits ein vordergründiger verursachender Aspekt. 

Die sich anschließende grundlegende osteopathische Behandlung orientiert sich vor allem an der Regulation von Gewebespannungen und der Regulation des vegetativen Nervensystems. Dafür gibt es ganz verschiedene Techniken. Zum einen durchaus kräftige Bindegewebstechniken, Mobilisationstechniken oder aber Techniken, die zum Beispiel das Vagussystem – also das Entspannungs- und Regenerationssystem fördern. Ziel dieser Behandlung ist es, den Körper in seine Selbstregulationsfähigkeit zurückzuführen. 

Was kann man darüber hinaus beim wandernden Schmerz noch machen?

Schmerzen die länger als ein halbes Jahr anhalten, werden als chronischer Schmerz eingestuft. Auch hier zeigt die Erfahrung, dass also nicht nur beim Wanderschmerz, sondern bei jeglichem Schmerz vor allem angenehme Bewegung Linderung bringt. Leichte Sportarten – und jetzt landen wir tatsächlich wieder beim Wandern und ganz explizit beim “Gesundheitswandern” – wo Gehen an der frischen Luft mit therapeutischen Übungen kombiniert wird. Aber auch sanftes Yoga, schwimmen… und jede andere Sportart kann und muss hier empfohlen werden. 

 

PS: Mit meiner Kollegin Gabriele Oppermann habe ich über das Phänomen in einem Youtube-Live-Video gesprochen – und zu sehen gibt es das Video hinter diesem Link

 

 

Autorin: Sandra Hintringer

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.