Warum der Mund-Nase-Schutz triggert und was wir alle dagegen tun können

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Ich freue mich, dass du den Beitrag angeklickt hast. Das heißt in meinem Empfinden, du bist zumindest neugierig und auch offen, einige meiner Gedanken zum kontrovers erlebten und diskutierten Thema Mund-Nasen-Schutz zu lesen. Dafür danke ich dir sehr. Sollte ich in irgendeinem Abschnitt eine Formulierung benutzen, die dich trifft, mit der du dich verletzt fühlst, möchte ich mich dieses Mal bereits im Vorfeld entlasten. Nimm meine Worte, die dich möglicherweise unsanft berühren, vielleicht sogar triggern, nicht persönlich. Ich schreibe und berichte aus einer breiten Beobachtung meines Alltages und meiner Praxis. Ich meine nicht dich persönlich.

Im ersten Teil geht es darum, warum wir Menschen uns durch die Masken so angetriggert fühlen. Im zweiten Teil erfährst du ein paar Merkmale, an denen man leicht erkennen kann, dass ein Mitmensch mächtig aufgeregt ist und im dritten Teil gebe ich ein paar Tipps, wir wir uns alle gegenseitig beim Tragen und Kommunizieren mit der Maske unterstützen können.

1. Warum es sich lohnt, die Physiologie des eigenen Körpers zu verstehen und Versuch der Erklärung, warum eine Mund-Nasen-Schutz triggert

Ich schreibe aus der tiefen Überzeugung, dass wir uns allesamt, was unser Miteinander angeht, zurechtruckeln müssen. Und ich schreibe ganz bewusst „müssen“, denn eine Pandemie ist eine Naturgewalt, gegen die wir, genau wie bei einem Erdbeben, einem Tsunami oder einem Orkan, nur gemeinschaftlich anstehen können.

Ich schreibe also auch aus der Überzeugung, dass wir auch jetzt noch nach Monaten, die diese Pandemie schon andauert, alles dafür tun können, mit möglichst wenig psychischen Folgeschäden durch diese Katastrophe hindurchzukommen.

Aber wie komme ich darauf, nun ein halbes Jahr nachdem wir der Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes unterliegen, das Thema so spät noch aufzugreifen?

Nunja, das liegt auf der Hand. In vielen Städten wird gerade jetzt, Anfang November 2020 die Pflicht des Tragens auf öffentliche Räume deutlich ausgeweitet. Während wir uns ab April zügig durch die Einkaufsläden bewegt haben, um uns dann, ähnlich wie nach einem Tauchgang mit Luftanhalten, am Ausgang in theatralischen Gesten die Maske vom Gesicht zogen – bleibt die jetzt auch beim Verlassen des Geschäftes leider drauf.

Und während sich viele mit der bisher geltenden Trageverpflichtung mittlerweile arrangiert haben, bricht es jetzt gerade in den letzten Tagen nochmal so richtig raus. Die Palette der Reaktionen reicht von normalem Umgang mit der Maske bis zu einfacher Genervtheit über starke Gereiztheit mit Wut bis hin zu stärkstens getriggerten Menschen.

Und als Trigger bezeichnet man einen Reiz, der unser Körpersystem in Bruchstücken von Sekunden in einen Zustand versetzt, der sich willkürlich nicht mehr vollumfänglich und sofort kontrollieren lässt.

Das passiert vor allem bei all jenen, die irgendetwas zumeist Unschönes, Unbewältigtes in ihrer persönlichen Vergangenheit haben. Ein Reiz aus dem Hier & Jetzt wird mit einer tief liegenden Erinnerung verknüpft. Der Körper reagiert, als würde das Ereignis von damals direkt ablaufen.

Ein ganz extremes Beispiel wären hier zum Beispiel Opfer von rituellem Missbrauch. Dieser geschieht zumeist unter Maskierung der Täter. Sich als Betroffener jetzt in einer Gesellschaft bewegen zu müssen, wo alle maskiert sind, versetzt diese Menschen natürlich in allerhöchste Alarmbereitschaft und im Erinnerungserleben direkt zurück zum Tatort. Das ist Horror. Meistens ist es jenen gar nicht mehr möglich, das Haus überhaupt noch zu verlassen. Falls doch, geht das bei manchen nur unter allergrößter Not und Anstrengung. Es könnte sein, dass es genau der Mensch ist, der dir im Supermarkt den Wagen in die Hacken fährt, weil er gerade kurz vorm Dissoziieren, also kurz vorm inneren Weggehen aus dieser unkontrollierbaren und damit überfordernden Supermarktsituation ist.

Einfach nur, weil sich das Gehirn erinnert. An die alten Dinge, die eigentlich längst vorbei sind – aber so ist das mit traumatischen Inhalten. Die sind eben nicht automatisch vorbei. Die begleiten die Betroffenen oft sehr lange, teilweise auch durchs ganze Leben.

Ich habe zum Verdeutlichen dieser Verkettung dieses sicherlich nicht alltägliche Beispiel gewählt, weil es einfach so deutlich und so logisch ist. Es gibt aber unzählbar viele andere Möglichkeiten, warum jemand entweder auf das eigene Verhüllen, also das Tragen der Maske reagiert oder aber auf das Sehen der Masken bei anderen, manche reagieren total auf den berühmten Nasenpimmel oder eine Person reagiert schon allein auf die Verpflichtung des Tragens eines Mund-Nasen-Schutzes.

Wenn dieser Fall eintritt, dass sich jemand durch die Masken stark irritiert oder gar angetriggert fühlt – kennt unser Gehirn fast keinen Ausweg außer den Alarm-Modus, welcher sich eben sehr energiegeladen, wütend, theatralisch, weinend, schreiend oder in jedweder anderen Art äußern kann. Schließlich befindet sich der Körper im Kampf- und damit im Verteidigungsmodus. Oder aber es gibt den Automatismus, sich einfach abzuschalten, abzuspalten. Also wie oben schon genannt, zu dissoziieren…. Schockstarre und Flucht wären auch noch im Angebot.

Das kannst jetzt du selber sein – oder du beobachtest es bei anderen.

Egal was genau es ist – das ist dann kein Gespiele vom Betroffenen, das ist auch keine Unlust oder Ungehorsam… derjenige kann in dem Moment nicht anders. Sondern wird gerade wieder Opfer einer Situation und kann im Prinzip nicht mehr adäquat reagieren.

Hier bräuchte es Mitgefühl …

…nur verstehen wir Mitmenschen oft diese Not nicht. Ganz im Gegenteil. Oft fühlen wir uns durch das Verhalten angegriffen, missverstanden, gestört und steigen volle Lotte drauf ein … und an dem Punkt könnten wir aber was machen.

Darauf gehe ich später gleich ein …. zunächst …

…vielleicht begegnest du jemandem, dem das so geht. Oder du kennst sogar jemanden.

Und dann stelle ich jetzt uns allen die einfache Frage:

Wie offen kann ich für Dinge sein, die ich nicht kenne?

Wie offen kann ich für Dinge sein, die ich vielleicht nicht mal verstehe? Nicht weil ich nicht intelligent genug bin, sie zu verstehen – nein – einfach weil die Dinge, wie zum Beispiel die Verkettung von Traumafolgestörungen, sehr komplex und eben nicht immer leicht zu verstehen sind.

Aber wir brauchen diese Offenheit – um Neues zu lernen, um unsere Mitmenschen zu verstehen, um zu verstehen, dass es in manchen Momenten gar nicht um mich als Person geht – sondern dass da ein Film bei einem anderen läuft, wo ich zufälligerweise Statist sein darf.

2. Hilfestellung für den Alltag, um Dysregulation zu erkennen

Also wie können wir uns als Gesellschaft jetzt gegenseitig helfen, damit wir dieses leidige Maskenthema nicht als täglichen Trigger und damit als wahnsinnigen Spannungszustand einer ganzen Gesellschaft erleben?

Zu allererst finde ich es gut, wenn wir eine Idee bekommen, wo unsere Mitmenschen sich ungefähr in ihrem Gefühlserleben befinden. Dann können wir entscheiden, ob wir was zur Regulation einer Situation beitragen können und wollen.

Regulation braucht es auch nur dort, wo eben Dysregulation herrscht, also gilt es die Dysregulation irgendwie zu erkennen.

Wie erkenne ich eine Dysregulation beim Anderen?

Hier ein paar Anzeichen, die vielleicht noch recht einfach zu erkennen sind:

  1. schwitzen – entweder haben die Leute nasse Achseln, nasses T-shirt an Rücken oder Bauch oder eine nasse Stirn …
  2. rote Flecken am Hals, die umso stärker werden – je engagierter diese Person spricht
  3. übermäßiges oft hörbares Pusten, Schnaufen, erschwertes Atmen … manchmal hat man das Gefühl, die Leute kippen gleich um… das ist oft  verbunden mit einem Leidensdruck, wie anstrengend alles doch wäre
  4. keinerlei Option auf Augenkontakt – dies könnte man als ein erstes Anzeichen von … „ich würde gerne weg hier“ oder „Ich würde gern flüchten“
  5. Rumwettern, rumzetern, andere beschimpfen – am liebsten die oft wehrlosen Verkäuferinnen aber auch die allgemeinen, derzeitigen Hygieneregeln werden bewettert.
  6. massivstes reinsprechen in einem Gespräch – dein Gegenüber kriegt überhaupt nix mehr mit
  7. fahriges hektisches Verhalten wie anrempeln, anecken, Verlieren von Gegenständen, Zerstreutheit
  8. Vermeidung – du siehst deine Freunde gar nicht mehr. Sie rufen auch nicht mehr an oder reagieren nicht auf deine Nachrichten. Sie sind quasi wie vom Erdboden verschluckt.

… du kannst ja mal schauen, ob du solche Merkmale bei anderen entdeckst.

Nur, um es nochmals sicherzustellen … ich teile diese Merkmale nicht, damit wir die Menschen bloßstellen und stigmatisieren, indem wir behaupten, sie hätten ein Trauma …. Um Himmels willen. Das kann weder ich noch du wissen, was die Menschen haben.

Es geht einzig darum, zu verstehen, dass derjenige in dem Moment augenscheinlich nicht dich meint – sondern sein Nervensystem reagiert über und es ist immer gut zu wissen, was dann zu tun ist.

Regel Nummer 1 … und ich finde, das ist die wichtigste Regel:

Auf gaaaaaar keinen Fall drauf einsteigen. Nicht mitwettern, nicht mitwüten. Nicht gegensprechen. Nicht diskutieren. Nicht persönlich nehmen. Es bringt nämlich rein gar nix.

Und was dann?

Einatmen. Ausatmen. Er meint nicht mich. Punkt.

Und gleich nochmal:

Einatmen. Ausatmen. Er meint nicht mich. Punkt.

Und damit die eigene Körperphysiologie, das eigene Verhalten versuchen zu regulieren. Einfach versuchen normal, ruhig funktional zu bleiben.

Sich selbst wieder entspannen. Die Füße am Boden spüren, den Kiefer entspannen, die Augen entspannt umherschweifen lassen. Einatmen. Ausatmen. Bei sich bleiben.

Nur so können wir aus meiner Sicht grundsätzlich die Aufregung minimieren, die da draußen gerade herrscht. Denn schlußendlich sitzen wir alle im gleichen Boot und eine gesunde Regulation der Gesellschaft schaffen wir nur, wenn wir uns alle gegenseitig helfen.

Einer reguliert den nächsten … wie ein schönes großes Dominospiel …

3. Können wir noch mehr tun außer Einatmen und Ausatmen? Wenn ja – was?

Ja. Aus meiner Sicht können wir noch mehr tun und das hat eben mit den Masken und den verdeckten Gesichtsteilen durch die Masken zu tun.

Normalerweise lesen wir unbewusst aus Gesichtern und blitzschnell beurteilt mein und auch dein Unterbewusstsein, ob das Gegenüber als gefährlich oder eben als netter Mensch eingestuft wird.

Das fällt gerade zum großen Teil weg – die Maske lässt den Eindruck enstehen, es sind nur noch gefährliche Menschen unterwegs. Nur noch Feinde. Überall.

Denn der lachende, sprechende Mund, die sich bewegenden Gesichtszüge, jegliche Mimim ist gerade mehr als je zuvor verborgen.

Wir müssen also irgendwas Neues einstudieren …

 

8 Tipps, wie wir mit unsere Mimik und Gestik Sicherheit erzeugen

Wir können die Elemente unserer Mimik und Gestik deutlich verstärken. Das hilft unserem Gegenüber, ein Sicherheitsgefühl zu erlangen – denn ein stummes Maskengesicht wird im Unterbewusstsein immer wieder als gefährlich, als Feind eingestuft …. also …

…erzeugen wir ein freundliches und sicherheitsvermittelndes Maskengesicht ….

Los geht´s 🙂

  1. den Kopf mehr bewegen. Hin und Her bewegen oder nach links und rechts drehen oder nach oben und unten bewegen. Die Bewegungen sollten ruhig und nachvollziehbar sein. Nicht ruckhaft oder unnatürlich.
  2. Blickkontakt suchen – es ist doch erstaunlich, wie wenig wir uns im Moment in die Augen schauen …
  3. Aber nicht starren …
  4. Augen ruhig, freundlich und wohlgesonnen während eines Gespräches in alle Richtungen umherschweifen lassen – unser Gegenüber nicht allzusehr fixieren …. ein starrender Blick wird oft als feindlich eingestuft.
  5. Die Augen dürfen ruhig mehr lachen … einfach mal vorm Spiegel üben
  6. Grundsätzlich mehr sprechen …
  7. Und wenn es keine Worte zu sprechen gibt … einfach lautieren: mmmmh, aaaaaah ….etc. … das heißt immer soviel wie „ich bin bei dir“ …“ich höre dir zu“ „du bist nicht allein“ …
  8. Die Stimme mehr und vor allem weich klingend einsetzen. Zur Zeit schreien wir ja leider ein wenig, damit man uns durch die Masken versteht… aber an der Stimme lässt sich durchaus was machen.

So und nun viel Spass, beim Erkunden und Ausprobieren dieser Tipps … und beim Achtsamen Miteinander.

Vielen Dank, dass du bis hierher durchgelesen hast. Ich hoffe sehr, dass ich damit einen kleinen Impuls in die Gesellschaft geben kann.

Was meinst du?

Wie geht es dir mit diesem Thema? Was sind deine Empfindungen dazu?

Und wie geht es dir mit meinem Text? Ist das schlüssig für dich, was ich schreibe? Oder böhmische Dörfer?

Schreib mir gern. Entweder gleich hier in die Kommentare oder eine Nachricht bei Instagram oder eine mail an info(at)osteopathie-hintringer.de

Verfasserin: Sandra Hintringer

 

 

Achso … dieser wie auch alle anderen Texte meines Blogs sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht kopiert werden. Gern schreibe ich extra für dein Format einen Text – unique sozusagen. Schreib mir dazu eine mail an info(at)osteopathie-hintringer.de

 

 

 

 

 

 

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